MOSAIK-KUNST ALS OPTISCHES WOHLFÜHLPROGRAMM

Die Künstlerin Isidora Paz-López (links) zusammen mit drei Team-Mitgliedern aus Chile (Foto: Chris Lukhaup)

Kenner der Szene keramische Fliesen und Platten wissen es seit Langem: Wenn es um die Format-Politik der Hersteller geht, beherrschen mittelgroße bis ganz große Rechteckformate den Markt. Zu kurz kommt dabei stets eine Produktgattung, die geschichtlich betrachtet eigentlich den Ursprung keramischer Wand- und Bodengestaltungen bildeten: das Mosaik. In diesem Zusammenhang folgt traditionell der Hinweis auf die Gestaltung von Bädern und Thermen altrömischer Anlagen mit ihren vielfarbigen Mosaikbildern.
Immerhin begleitet der Werkstoff Keramik die Menschheit seit Jahrtausenden nicht nur anhand von Gebrauchs-Gegenständen, sondern stets auch als kreatives Ausdrucksmittel unterschiedlicher Kulturkreise. Eine dieser Spiel- und Stilarten sind eben diese keramischen Mosaiken mit ihren geometrischen oder figürlichen Darstellungen. Diese Kunst bereichert nicht nur unser Leben, sondern wirkt imagebildend und identitätsstiftend, wenn sie in Museen oder öffentlich sichtbar ist.
Im aktuellen Architektur-Alltag indes spielt keramisches Mosaik eher eine Nebenrolle, speziell wenn es um die Gestaltung des öffentlichen Raumes geht. Nur höchst selten begegnen wir solchen markanten Beispielen, die das Zeug zum Staunen und innehalten habe, so wie zuletzt an der Düsseldorfer Rhein-Promenade, über die wir in unserer Ausgabe SKS 4.2018, Seite 16, berichteten. Jetzt kann sich die Stadt Pirmasens, nicht gerade Aushängeschild deutscher Stadtkultur und noch vor kurzem von der Presse als „Detroit Westdeutschland“ bezeichnet, rühmen, auf einer Fläche von rund 60 Quadratmetern das vermutlich größte keramische Mosaik in Rheinland-Pfalz sein eigen zu nennen. Nicht nur die Entstehungsgeschichte, auch das im Dezember 2019 eröffnete Werk hat das Zeug die kleine Stadt am Westrand des Pfälzerwalds aus der Lethargie zu reißen, ausgelöst durch den Niedergang der einst blühenden Schuhindustrie und dem Auszug der US-Streitkräfte.

Pirmasens und das mit rund 60 Quadratmetern das vermutlich größte keramische Mosaik in Rheinland-Pfalz

Gekennzeichnet ist Pirmasens von zahlreichen Treppenanlagen, da die Stadt wie Rom auf sieben Hügeln erbaut ist (siehe Infokasten). Eine davon ist die Vogeltreppe, lange Zeit ausgewiesener Schandfleck, den nur die wilden Graffiti-Sprayer schätzten. Bis sich die international agierende chilenischen Künstlerin Isidora Paz-López ihrer annahm, die seit mehreren Jahren zusammen mit ihrem Mann Chris Lukhaup und Kindern im Raum Pirmasens lebt.
Der Kontakt zu Isidora Paz-Lopez entstand bereits 2016 über eine Mitarbeiterin des Stadtmarketings. Schnell stand die Überlegung im Raum, ihre hochwertige und farbenfrohe Mosaikkunst für Pirmasens zu nutzen, um eher triste Ecken der Stadt attraktiver zu gestalten, zum Beispiel die stark frequentierte frühere Felsen- und jetzige Vogeltreppe, die über exakt 131 Stufen die Schäfer- mit der Bahnhofstraße verbindet.
Im Herbst 2018 betraute die Stadtverwaltung dann Isidora Paz-López mit der künstlerischen Umsetzung der ursprünglichen Roh-Idee, das Bauwerk mit keramischem Mosaik zum Hingucker zu machen. Während sich die Künstlerin ans Werk machte, erfolgte von Sommer bis Herbst 2019 für rund 200 000 Euro eine ohnehin fällige Sanierung (Betonsubstanz, Geländer, Beleuchtung) der Treppenanlage.

Farbenfrohe Mosaikkunst und Keramik

Danach erfolgte die Verlegung des keramischen Mosaiks und Mitte Dezember 2019 die offizielle Einweihung des Funktionsbauwerks, das nun die Blicke anzieht und das Image der Stadt aufwertet: Rolf Schlicher (Leiter Stadtmarketing) zeigte sich ebenso begeistert wie Oberbürgermeister Markus Zwick, der von einem außergewöhnlichen Hingucker im urbanen Stadtbild sprach.
Auf Grund der klammen städtischen Finanzlage ging es auch hier nicht ohne Sponsoring. So bildeten die technische Grundlage des außergewöhnlichen Werkes Keramikfliesen von zwei deutschen Fliesenherstellern, die das Ganze per Materialsponsoring unterstützt haben: Für die Bestandteile des großflächigen Wandbilds wurden Produkte von Agrob Buchtal (Serie „Chroma Plural“) und V&B-Fliesen (Serie „Pro Architectura“) eingesetzt, die in Bezug auf Nuancenvielfalt und Anmutung den Vorstellungen der Künstlerin entsprachen. Diese Aspekte sind insofern relevant, weil das Kunstwerk aus prächtigen farbenfrohen Motiven aus der Pflanzen- und Tierwelt besteht: Letzteres in Form von heimischen, internationalen oder mittlerweile nicht mehr existierenden Vogelarten, um so subtil auf deren Aussterben durch Klima- oder Umweltveränderungen aufmerksam zu machen.

Pirmasenser Bürger selbst leisteten ihren keramischen Beitrag

Aber es waren keineswegs nur Industriefliesen, die das triste Treppenbauwerk zu strahlender Farbenpracht verhalf. Die Pirmasenser Bürger selbst haben ihren keramischen Beitrag zur Vollendung geleistet und traditionelles Porzellan-Geschirr gestiftet, das von der Künstlerin eigenhändig zerstückelt in das bunte Bild eingefügt wurde. An anderer Stelle kann man sogar einige Münzen als Dekoelemente entdecken. So beeinflusste der Alltag das beeindruckende Ergebnis nicht nur visuell. Auch die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte sollte nicht in Vergessenheit geraten. So wurde Isidora Paz-López durch freiwillige Helfer, Mitglieder von DOMO e.V. (Deutsche Organisation für Mosaikkunst) und befreundete Künstler unterstützt. Dazu zählen auch jene, die nicht vor Ort im temporären „gläsernen Atelier“ im Rheinberger-Komplex (einst mit rund 2 500 Personen zeitweise größte Schuhfabrik Deutschlands, heute umgewandelt in einen Gewerbepark) mitwirken konnten.
Sie schickten ihre Beiträge per Post. Auf diese Weise entstanden unentgeltlich rund 170 Vogelmotive aus über 20 Ländern von Argentinien über Aruba, Belgien bis hin nach Südafrika, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten VAE, den USA oder Wales, die dann von Isidora Paz-López zu einer stimmigen Gesamtkomposition verwebt wurden. Weitere Kennzahlen dieses eindrucksvollen Gemeinschaftswerks: über 10 000 Arbeitsstunden, rund 60 Quadratmeter Gesamtfläche, knapp 2 Tonnen Totalgewicht - Aspekte, die deutlich machen, dass das Projekt auch logistisch ein Meisterwerk darstellt.

Die Künstlerin: Isidora Paz-López wurde 1976 in Chile geboren und entdeckte schon sehr früh ihre künstlerische Ader und ihre Liebe zur Keramik. Ihr Werk umfasst verschiedene Mosaik-Kunstprojekte im öffentlichen Raum, z.B. in Aruba, Stuttgart oder ihrem Heimatland Chile: Dort gestaltete sie zum Beispiel in Puente Alto (eine große Kommune im Süden der Hauptstadt Santiago de Chile) mit einem internationalen 60-Personen-Team das vorher ziemlich schmucklose Rathaus und mit einem internationalen 100-Personen-Team mehrere U-Bahn-Stationen, die eine Gesamtfläche von rund 4 000 Quadratmetern umfassen. Unterstützt wurde sie in Pirmasens von der Deutschen Organisation für Mosaikkunst (DOMO e.V.), ein im März 2008 gegründeter gemeinnütziger Verein, der sich unter anderem Erhaltung, Förderung und Verbreitung der Mosaikkunst verschrieben hat. Der Verein hat über 180 Mitglieder (Stand Ende 2018), vornehmlich Betriebe des Kunsthandwerks und bildende Künstler.

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INFO: Pirmasens ist wie Rom auf sieben Hügeln erbaut und daher geprägt von Stufen und Steigungen. Außerdem durchziehen die 42 000-Einwohner-Stadt zwei große Felswände von Nord nach Süd. Nach amtlichen Informationen gibt es über 3 000 Stufen und knapp 140 Treppenanlagen. Im Herbst 2018 betraute die Stadtverwaltung den Hauptausschuss bzw. Isidora Paz-López mit der künstlerischen Umsetzung der ursprünglichen Roh-Idee, den „Schandfleck“ Vogeltreppe aufzuwerten. Neben dem Materialsponsoring durch Agrob BuchtalundVilleroy & Boch Fliesen wurden die darüber hinaus gehenden Kosten in Höhe von rund 50 000 Euro gedeckt durch eine großzügige Zuwendung der örtlichen Liselott-und-Klaus-Rheinberger-Stiftung. Ein Video über die Vogeltreppe hat die Künstlerin bei Youtube veröffentlicht: https://www.youtube.com/watch?v=lAHdOW1ytSU